In Innovationsabteilungen großer Konzerne stehen Kisten mit Klemmbausteinen. Nicht als Dekoration, sondern als Werkzeug. Wer zum ersten Mal in einem solchen Workshop sitzt, hält es für eine Spielerei — bis die erste Frage gestellt wird und alle gleichzeitig anfangen zu bauen statt zu diskutieren.
Woher die Methode kommt
Der Ansatz hat einen Namen und eine Entstehungsgeschichte. 1996 untersuchten die beiden Professoren Johan Roos und Bart Victor am IMD in der Schweiz gemeinsam mit Kjeld Kirk Kristiansen, dem damaligen Eigentümer der LEGO Gruppe, alternative Werkzeuge für die strategische Planung. Daraus entstand LEGO® Serious Play®: eine moderierte Methode, die auf der Annahme beruht, dass sich jeder Gedanke, jede Erfahrung und jedes Vorhaben als dreidimensionales Modell darstellen lässt.
Eingesetzt wird sie heute für Teambuilding, Innovationsmanagement, Produktentwicklung, Retrospektiven, Visionsarbeit und Konfliktklärung. Der gemeinsame Nenner: Themen, bei denen Worte allein zu ungenau bleiben oder zu schnell von den lautesten Stimmen besetzt werden.
Warum ein Modell mehr sagt als eine Folie
Drei Wirkungen erklären, warum die Methode funktioniert — und keine davon hat mit Spielzeug zu tun.
Die Hand ist schneller als die Formulierung. Wer baut, muss sich festlegen, bevor er es begründen kann. Genau dadurch kommen Annahmen ans Licht, die in einer Diskussion unausgesprochen bleiben. Erklärt wird hinterher, am fertigen Modell.
Alle bauen gleichzeitig. In einer Besprechung redet eine Person, der Rest hört zu oder wartet. Beim Bauen produzieren alle parallel einen Beitrag. Das verändert die Beteiligung messbar, vor allem bei denjenigen, die sich sonst wenig melden.
Das Modell steht zwischen den Beteiligten, nicht die Person. Kritik richtet sich gegen ein Objekt auf dem Tisch. Das klingt nach einem Detail, entschärft aber genau die Situationen, in denen es sonst persönlich wird.
Modell ist nicht gleich Prototyp
Hier lohnt eine Unterscheidung, die in den meisten Beschreibungen fehlt. Ein Metaphernmodell stellt etwas Abstraktes dar — eine Strategie, ein Risiko, eine Zusammenarbeit. Es muss nichts können, es muss etwas bedeuten.
Ein funktionaler Prototyp dagegen soll etwas beweisen. Mit Zahnrädern, Achsen, Liftarmen und Motoren lässt sich prüfen, ob ein Mechanismus überhaupt in der gedachten Reihenfolge abläuft: Greift der Hebel, bevor der Schlitten anstößt? Passt das Übersetzungsverhältnis? Ist die Konstruktion steif genug, um sich nicht zu verwinden? Solche Fragen lassen sich an einem Steckmodell in einer Stunde klären, wofür eine CAD-Zeichnung samt Druckteil einen halben Tag braucht.
Wo die Grenze liegt
Ehrlicherweise gehört dazu, was Klemmbausteine nicht leisten. Sie sagen nichts über Materialverhalten, nichts über Toleranzen im Zehntelmillimeterbereich, nichts über Dauerfestigkeit unter Last und nichts über Temperatur. Wer die Kraftübertragung einer Achse auslegen will, kommt um Rechnung und Versuch nicht herum. Der Prototyp aus Steinen klärt die Frage „funktioniert der Ablauf?“ — nicht die Frage „hält das Bauteil?“.
Was man dafür braucht
Weniger, als die Workshop-Anbieter nahelegen. Für eine Gruppe von acht Personen reichen rund 2.000 gemischte Steine, wenn genug Verbindungselemente, Platten und einige Sonderteile wie Räder, Scharniere und Figuren dabei sind — letztere werden erstaunlich oft für „der Kunde“ oder „das Team“ verwendet. Für funktionale Prototypen kommt ein Technic-Grundstock mit Zahnrädern, Achsen und Liftarmen dazu. Loses Material aus dem Zubehörhandel oder ein größeres Grundset ist dafür meist günstiger als spezielle Workshop-Kits; ein autorisierter LEGO®-Fachhändler führt beides.
Wer ein Ergebnis festhalten will, stößt auf ein praktisches Problem: Ein Modell, das nach dem Workshop auseinandergenommen wird, ist weg. Fotos helfen nur begrenzt, weil niemand rekonstruieren kann, was innen sitzt. Inzwischen lässt sich aus einer Aufnahme ein Bauplan mit Teileliste und Einzelschritten erzeugen — ausreichend, um denselben Stand in einem späteren Termin wieder aufzubauen, statt bei null anzufangen.
Der Prototyp im Gespräch mit Geldgebern
Ein Nebeneffekt, der selten erwähnt wird: Ein Modell auf dem Tisch verändert die Art der Fragen. Wer eine Erfindung nur beschreibt, bekommt Fragen zur Beschreibung — ob sie verständlich ist, ob der Markt stimmt, ob die Formulierung trägt. Wer ein Modell hinstellt, bekommt Fragen zur Sache: Was passiert, wenn hier Kraft draufkommt? Wie kommt das Teil wieder heraus?
Für Erfinder ohne Werkstatt ist das der praktische Wert. Ein Steckmodell kostet einen Abend und ein paar Euro Material, während ein gedrucktes oder gefrästes Muster Tage und ein Vielfaches kostet. Es ersetzt den echten Prototypen nicht — es sorgt dafür, dass man überhaupt so weit kommt, einen zu brauchen. Und es zeigt früh, welche der eigenen Annahmen sich nicht halten lassen: der billigste Zeitpunkt, das herauszufinden.

Ein Ablauf, der sich bewährt hat
- Aufwärmen (10 Minuten): eine belanglose Bauaufgabe, damit jeder einmal etwas gebaut und erklärt hat.
- Einzelmodelle (15 Minuten): jeder beantwortet dieselbe Frage für sich. Kein Austausch währenddessen.
- Erklären (je 2 Minuten): reihum, ohne Zwischenfragen. Nur der Erbauer deutet sein Modell.
- Gemeinsames Modell: die Einzelmodelle werden zu einer Landschaft zusammengesetzt — hier entstehen die Diskussionen, die man eigentlich führen wollte.
- Festhalten: fotografieren, beschriften, und die Teile erst abbauen, wenn das Ergebnis dokumentiert ist.
Der eigentliche Gewinn liegt nicht im Modell, sondern in der Reihenfolge: erst bauen, dann reden. Wer diese beiden Schritte vertauscht, bekommt wieder eine gewöhnliche Besprechung — nur mit Steinen auf dem Tisch.



